Das Treibhaus

Wolfgang Koeppen
Originaltitel: Das Treibhaus das-treibhaus
Deutschland
Erstveröffentlichung: 1953
ISBN: 3-518-36578-9
Suhrkamp-Verlag
192 Seiten


Porträt:
  • Geboren 23. 06. 1906 in Greifswald
  • Arbeitet als Feuilletonredakteur des Berliner „Börsencourier“, bevor er seinen ersten Roman „Eine unglückliche Liebe“ veröffentlicht.
  • Verschwindet ins freiwillige Exil in die Niederlande, kehrt 1938 nach Deutschland zurück, schreibt Drehbücher; versteckt sich, um dem Wehrdienst zu entkommen.
  • Nach dem Krieg verfasst er Reiseberichte und Essays.
  • Durchbruch gelingt ihm mit seiner 1951-54 veröffentlichten „Trilogie des Scheiterns“
  • Seit 1972 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik.
  • Stirbt am 15. März 1996 im Pflegeheim in München.
Besprochene Werke des Autors auf 'lesezeichen': Tauben im Gras (1951)

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Das Schreiben ist immer oppositionell, selbst im freiesten Staat. Das Schreiben ist eine Opposition an sich. Wer schreibt, denkt und fordert Gedankenfreiheit. Der Gedanke läuft oft fremde, unbekannte, gar erschreckende Wege. (Wolfgang Koeppen)

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Während er im ersten Teil der „Trilogie des Scheiterns“ die Scheuklappen des deutschen Volkes nur bedauert, reicht Koeppen eine Bestandsaufnahme für seinen zweiten Teil nicht mehr aus und er krempelt seine Ärmel hoch. Er greift die Politik im Nachkriegsdeutschland unter der Regierung Adenauer an - auch wenn Koeppen im Vorwort versucht zu beruhigen, indem er sagt, seine Figuren seien fiktiv.

Die Ära der Aufrüstung ist angebrochen, die Zeit, in der der Abgeordnete Keetenheuve sich in dem Glauben verliert, seine Vorträge und pazifistische Einstellung könnten die Welt verändern. Er, Kriegsgegner und Exilant, kehrt nach Kriegsende nach Deutschland zurück, in der Hoffnung, den lang geforderten Frieden durchs Parlament zu bringen. In seiner Vorstellung eine Bagatelle, denn selbstverständlich dürfte wohl jeder Bürger sich das Gleiche wünschen. Mit soviel Widerstand für sein Anliegen, wie ihm hier widerfährt, hatte er niemals gerechnet.

„Das Kriegsende hatte ihn mit Hoffnungen erfüllt, die noch eine Weile anhielten, und er glaubte, sich nun einer Sache hingeben zu müssen, nachdem er so lange abseits gestanden hatte. Er wollte Jugendträume verwirklichen, er glaubte damals an eine Wandlung, doch bald sah er, wie töricht dieser Glaube war, die Menschen waren natürlich dieselben geblieben, sie dachten gar nicht daran, andere zu werden, weil die Regierungsform wechselte, weil statt braunen, schwarzen und feldgrauen jetzt olivfarbene Uniformen durch die Straßen gingen und den Mädchen Kinder machten, und alles scheiterte wieder mal an Kleinigkeiten, an dem zähen Schlick des Untergrundes, der den Strom des frischen Wassers hemmte und alles im alten stecken ließ, in einer überlieferten Lebensform, von der jeder wusste, dass sie eine Lüge war.“

Keetenheuve gilt als Außenseiter in den eigenen Reihen, als unberechenbar, weil er gegen die Linie seiner Partei arbeitet. Er gilt als bedrohlich, gefährlich, so sehr, dass sie ihn abschieben wollen. Doch er ist auch angreifbar, schwach, verkümmert. Seit seine Geliebte gestorben ist, fehlt ihm ein Ansprechpartner. Isoliert und ausgeschlossen von der Gesellschaft, unfähig zu genießen, unfähig zu zwischenmenschlichen Beziehungen - nicht fähig, Spaß am Leben zu empfinden. Er ist eine tragische Figur, die mir selbst am Ende noch fremd geblieben ist.

Er ist eine gescheiterte Figur, die sich einer rühmenswerten Sache hingibt, sich einredet, er könne das Parlamentsgebäude mit seiner Rede verzaubern. Oben auf dem Podest jedoch zieht er den Schwanz ein, sein Mut verlässt ihn, das Selbstwertgefühl bröckelt. Er glaubt, es höre ihm ja doch niemand zu, fragt sich, was er dort oben überhaupt treibt...

Er schwankt, er fällt... Gedanklich trägt er seine Ideologien ins Feld, im Gespräch allerdings fehlen ihm die entscheidenden Argumente und er muss sich geschlagen geben. Er verurteilt die Regierung, die wie vor dem Krieg handelt, sieht sie in die gleichen Fallen tappen, die Geschichte scheint ohne Lehre am Menschen vorüber gezogen zu sein und doch fehlen ihm die entsprechenden Alternativen, Gegenvorschläge. Für mich ist klar: Keetenheuve lebt einen Traum, beschäftigt sich mit einer Illusion, die ihn ins Verderben führen wird.

Obwohl Koeppen im Gegensatz zu „Tauben im Gras“ diesmal nur aus einer Sicht schreibt und beschreibt, wird die Lektüre keineswegs einfacher. Seine Sätze sind Gedankenflüge, jedoch wieder mit der gleichen empfehlenswert kraftvollen Sprache. Seine Hauptfigur ist eine schwankende Gestalt, ein Pfahl im weichen Boden, der beim kleinsten Gegenwind umzufallen droht. Ich konnte mich mit dieser Figur nicht anfreunden, in gewisser Weise eine lächerliche Erscheinung, jemand, der sich im Selbstgespräch aufplustert und sich für den Besten hält, der meint, die Regierung müsse eigentlich ihm gehören und in Wirklichkeit doch nichts auf die Reihe bekommt. Allerdings passt er zur Trilogie. Er ist in der Tat ein Paradebeispiel für das „Scheitern“.

Meine Bewertung:
  • Schwüle „Treibhaus“-Atmosphäre
  • Ausführliche Monologe
  • Hoher Bezug zur Realität
  • Ohne Spannung
  • Intensive Schilderung
  • Bezug zur Weltliteratur/ Mythologie/ Werbeslogans
  • für Fortgeschrittene
Fazit:
Auch wenn dieser Teil der Trilogie immer hervorgehoben wird, kann ich diesen Titel „rein subjektiv“ nicht so lobpreisen wie den ersten Teil. Schuld ist in erster Linie sicherlich meine Bezugslosigkeit zur Hauptfigur. Sprachlich perfekt, literaturhistorisch ein Schlüsselwerk – insofern sollte man das Buch zumindest angelesen haben.

„Die Wahrheit ist oft nur eine Frage der Aufmachung.“
Gregor Keuschnig - 12. Mai, 21:42

Wie kann man denn ein Buch 'anlesen'?

windschatten - 13. Mai, 08:28

Hallo Gregor,
Willkommen bei 'lesezeichen'. Mit 'anlesen' meine ich: prüfen, ob nach den ersten Seiten der Stil, der Aufbau, die Thematik, die Hauptfigur dem persönlichen Geschmack entspricht. Ich kann hier nur meinen Standpunkt wiedergeben, aber letztlich wird jeder selbst entscheiden müssen, ob er sich auf jenes Buch einlässt. Speziell zu Koeppen fand ich "Tauben im Gras" gelungener, überzeugender, in etwa der deutsche Gegenpart zu Virginia Woolf. "Treibhaus" hat meine Erwartungen nicht erfüllen können, die durch ständige Hervorhebung von Germanisten hervorgerufen wurden. Ich möchte diesen Titel niemandem abraten, sondern empfehlen, sich ein eigenes Bild zu machen... indem er es 'anliest'. Herzlich, W.
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